Erfahrungen

Mögen alle Wesen
Erleichterung und Sicherheit finden!
Mögen alle atmenden Wesen,
Die sichtbaren und unsichtbaren,
Die fernen und nahen,
Die geborenen und noch nicht geborenen,
Mögen alle im Herzen glücklich sein!
Gautama Buddha

Wir erinnern uns an die Menschen, die wir begleiten durften, in Liebe und Dankbarkeit.
Alle Namen sind zum Schutz der betroffenen Personen geändert.

Ein Telefongespräch

Ich erhalte einen Telefonanruf. Frau Meier pflegt ihren schwer kranken Mann seit längerer Zeit zu Hause. Sie ist Mutter von zwei kleinen Kindern und sucht professionelle Unterstützung und Entlastung, vor allem nachts. In unserem Telefongespräch gibt es Raum für viele Gedanken, Fragen und Ängste. Wir vereinbaren, dass mich Frau Meier nachts anrufen kann, wenn sie Hilfe braucht. Eine Nacht möchte sie noch alleine wachen, dann wäre sie froh für Entlastung. Ihr Ehemann stirbt in dieser Nacht.

Sterbebegleitung nachts zu Hause

Ich werde von der Spitex für Nachtwache angefragt. Herr Stucki ist 88 Jahre alt und nach langer Krankheit sterbend zu Hause. Frau Stucki braucht nachts pflegerische Unterstützung und Entlastung, damit ihr Ehemann zu Hause bleiben kann. Abends erwartet Frau Stucki mich in der Küche und berichtet mir aus ihrem Leben und den letzten strengen und belastenden Wochen. Sie ist müde und erschöpft und ist dankbar, wieder einmal eine Nacht schlafen zu können. Wir gehen nach oben, ins Zimmer von Herrn Stucki, er liegt auf der Seite, sein Gesicht ist zur Wand gewendet. Ich stelle mich vor und teile ihm mit, dass ich diese Nacht ganz für ihn da sein werde. Er hat die Augen geschlossen und kann sich nicht mehr mitteilen. Ich erfahre immer wieder, dass es in dieser letzten Phase eine andere Form der Verständigung gibt. Herr Stucki ist in dieser Nacht sehr unruhig, ich bin mit ihm in dieser Unruhe, weiss, dass dies oft zum Übergang gehört. Ich verabschiede mich am Morgen, tagsüber begleitet die Spitex das Ehepaar. Als ich am nächsten Abend ins Zimmer komme, atmet Herr Stucki nur noch schwach. Bevor Frau Stucki schlafen geht, sagt sie ihrem Mann, dass er gehen dürfe, dass alles in Ordnung sei. Am frühen Morgen stirbt Herr Stucki, ganz ruhig und leise ist er gegangen. Ich wecke Frau Stucki, lange sitzen wir am Bett, sprechen und schweigen, halten und gehalten werden, Trauer und Erleichterung. Sie erzählt aus ihrem Leben, erinnert sich an viele schöne und schwierige Momente. Immer wieder hält sie die Hand ihres Mannes und streichelt sein Gesicht. Gemeinsam waschen und betten wir ihren Mann zur Ruhe. Frau Stucki ist dankbar, jetzt nicht alleine zu sein. Ruhe und Frieden umgeben uns, es sind besondere Momente, die uns auch im Weitergehen begleiten werden.
Am Morgen kommt der Arzt, alle sind wir dankbar, dass der Wunsch – zu Hause zu sterben - in Erfüllung ging.

Nachtwache im Heim

Die Pflege ruft mich an, weil sie nachts Unterstützung für Herrn Bernhard brauchen. Herr Bernhard ist 91 Jahre alt. Seit vielen Nächten ist er sehr unruhig, läutet alle 15 Minuten. Als ich abends ins Zimmer komme, liegt Herr Bernhard im Bett, seine Beine sind angezogen und er bewegt sich unruhig im Schlaf. Kurze Zeit später begleite ich ihn immer wieder zur Toilette, alle 15 Minuten möchte er aufstehen. Dank der intensiven Begleitung – ich bin ganz präsent und habe Zeit für Herrn Bernhard - fällt mir auf, dass seine Unruhe auch schmerzbedingt sein könnte. Herr Bernhard ist enorm dankbar, dass ich an seiner Seite bin. Immer wieder gibt er dem Ausdruck, hält meine Hände, bedankt sich und sagt: “Dass es so etwas gibt, Sie schickt der Himmel“ Um Mitternacht ist seine Atmung ganz schwach, mir scheint er verlässt diese Welt – später dann ein tiefer Atemzug und gegen Morgen ist Herr Bernhard wieder „ganz da“. Ich gebe meine Beobachtung bezüglich Schmerzen an die Pflege weiter. Herr Bernhard erhält nun stärkere Schmerzmittel und bereits in der nächsten Nacht ist er ruhiger. Nach zwei Nächten benötigt er keine zusätzlichen Begleitungen mehr.
Herr Bernhard lebt noch mehrere Wochen, er wirkt aktiv und zufrieden in seiner eigenen Welt. Dann stirbt er – alleine nachts.

Unruhe – Sterbebegleitung im Spital

Frau Frieden war nachts unruhig, verwirrt und aggressiv zu den Pflegenden. Am Morgen werde ich für Hilfe angefragt. Frau Frieden liegt angespannt im Bett, ihre Hände umklammern den Bettbügel, die Augen blicken starr an die Decke. Ich frage Frau Frieden, ob ich ihre Füsse berühren dürfe, sie nickt. Ganz präsent bin ich bei ihr. Nach einiger Zeit verändert sich die Atmosphäre im Zimmer. Es wird ruhig, entspannter - auch Frau Frieden entspannt sich. Wir können nun wieder über die Sprache kommunizieren. Frau Frieden teilt mir mit, das neben ihr im Bett ein Neugeborenes liege. Sie habe solche Angst, dass es herausfallen könnte, dass ihm etwas geschehen könnte. Einem Impuls folgend versichere ich Frau Frieden, dass wir gut „zum Neugeborenen“ schauen würden, dass es in Sicherheit sei. Frau Frieden schläft den ganzen Morgen, ruhig und entspannt. In der folgenden Nacht stirbt Frau Frieden -allein, in ihrem Zimmer.
Neugeborenes - neu geboren werden - wer weiss?

Begleitung im Abschied

Ich werde für eine Sterbebegleitung in der Nacht angefragt. Frau Hänni pflegt ihren Mann mit Unterstützung der Spitex zu Hause. Sie möchte die nächste Nacht nicht alleine sein und wünscht sich eine professionelle Begleitung. Ich gehe für ein erstes Kennenlernen vorbei. Ich treffe auf eine unerwartete Situation: Herr Hänni ist soeben gestorben, er liegt im Bett im Wohnzimmer. Der Arzt ist noch da. Frau Hänni ist sehr froh, in diesem Moment nicht alleine zu sein. Auf ihre Frage: „Und jetzt – wie weiter?“ kann ich ihr versichern, dass wir jetzt Zeit – viel Zeit haben. Im Gespräch mit Frau Hänni und ihren erwachsenen Kindern kann ich ihnen aufzeigen, was alles möglich ist. Totenpflege (gemeinsames waschen und anziehen), Aufbahrung zu Hause, Bett und Zimmer schmücken. Die Familie kann sich im ersten Moment nichts vorstellen. Sie wünschen alleine zu sein. Nach einer Stunde werde ich gerufen. Langsam entstehen Fragen. Ein gemeinsames Erleben kann entstehen. Kleider werden ausgesucht, Kerzen angezündet und Blumen im Garten gepflückt. Frau Hänni und ich waschen ihren verstorbenen Mann und ziehen ihm seine Lieblingskleider an. Später entscheidet sich die Familie gemeinsam, den Mann/den Vater für die nächste Nacht zu Hause zu behalten. Sie wissen, dass sie mich jederzeit anrufen können.
Ich bin berührt, was Raum und Zeit alles bewirken konnten.

Totenpflege im Altersheim

Ich werde für eine Totenpflege angefragt. Die Totenpflege ist eine eindrückliche, würde- und respektvolle Handlung. Ein letzter Liebesdienst an einen geliebten Menschen. Frau Tanner möchte gerne gemeinsam mit mir die Totenpflege ihrer Mutter übernehmen. Das Pflegepersonal ist einverstanden, dass ich mit Frau Tanner die Totenpflege ausführe. Gemeinsam waschen und pflegen wir ihre Mutter, wir kleiden sie an, die Tochter hat eine schöne Bluse und Ihre Lieblingshosen ausgewählt. Um die Verstorbene anzuziehen, müssen wir sie auf die Seite drehen, das bedeutet, sie noch einmal in die Arme zu nehmen. Frau Tanner machte dies sehr sanft und liebevoll. Es entsteht eine letzte tiefe, intensive körperliche Nähe. Wir sind berührt. Leichtigkeit und Zufriedenheit entsteht. Im Zimmer ist es ganz ruhig und friedlich. Wir dürfen im Heimgarten Blumen pflücken, um das Bett und das Zimmer zu schmücken. Die Verstorbene lächelt uns liebevoll zu, als möchte sie uns sagen, alles ist gut.
Wir werden diese Momente für immer in uns tragen.

Sterben

Wenn ich sterbe,
sei bei mir, aber halte mich nicht.
Hör mir zu,
doch lass mich frei.
Entzünde eine Kerze
und lass
meine Seele fliegen
zu den Sternen.

Wenn ich sterbe,
öffne das Fenster.
Sei dir meiner Liebe gewiss!
Sie wird dich begleiten
In den Tagen deiner Einsamkeit.
Ich bin bei dir,
in deiner Innenwelt.

Wenn ich sterbe,
dann denke an mich
in Liebe.
Spüre:
Ich bin immer da.
Bernard Jakoby